Die Routine-Beschneidung Neugeborener

Ein medizinisches Ritual

Thomas Szasz

Ich begriff, dass ein Ritual immer bedeutet, etwas wegzuwerfen; die Zerstörung unseres Getreides oder unseres Weins auf dem Altar unserer Gottheiten.

Gilbert K. Chesterton, Tremendous Trifles (1909)

I

Eine umfangreiche Literatur beschäftigt sich mit den medizinischen Argumenten für oder gegen die routinemäßige Beschneidung von Neugeborenen (routine neonatal circumcision, RNC). Ich beabsichtige hier nicht, mich an dieser Debatte zu beteiligen, mir geht es vielmehr darum, das ethische Dilemma, das eine unvoreingenommene Untersuchung der RNC uns aufzwingt, kenntlich zu machen. Ich werde zeigen, dass die RNC uns nur deshalb als medizinisch-prophylaktische Maßnahme erscheint, weil es Ärzte sind, die sie durchführen. In Wirklichkeit handelt es sich dabei jedoch um ein jüdisches und muslimisches Ritual. 

Einst waren religiöse Rituale und Rationalisierungen dazu da, dem Leben der Mehrheit der Bevölkerung Sinn zu verleihen und die Einflussnahme auf ihr Verhalten zu rechtfertigen. Heute haben medizinische Rituale und Rationalisierungen häufig die gleiche Funktion. Ein Beispiel: Als die Selbsttötung als Selbst-Mord angesehen wurde, rechtfertigte das sündige Verhalten der handelnden Person eine priesterliche Bestrafung seines Leichnams. Wird der Selbsttötungswunsch als Ausdruck einer Geisteskrankheit angesehen, dann rechtfertigt die Krankheit des Handelnden eine psychiatrische Bestrafung seiner Person. Homosexualität und Masturbation sind zwei verbreitete Verhaltensweisen, die zuerst aus religiösen, später aus medizinischen Gründen einem Verbot unterlagen. 

Während Homosexualität, Masturbation und Suizid Verhaltensweisen sind, trifft dies auf die Tatsache, männlich auf die Welt gekommen zu sein, nicht zu. Dementsprechend wird eine Beschneidung nicht mit dem Verhalten des Betroffenen begründet, sondern mit der Bedeutung, die seine Eltern und die Gesellschaft seiner Vorhaut zuweisen. Für Juden symbolisiert das rituelle Opfer der kindlichen Vorhaut die Aufnahme in die Gemeinschaft der Auserwählten. Für gebildete Amerikaner symbolisiert ihre prophylaktische Entfernung die Aufnahme in die Gemeinschaft der Medizinisch Aufgeklärten. Webster’s Dictionary definiert die Beschneidung entsprechend als »die Abtrennung des Präputium bei männlichen Personen, die als religiöser Ritus durch Juden und Muslime und als Gesundheitsmaßnahme in der modernen Chirurgie durchgeführt wird.« (Hervorhebung von mir)

II

Der biblische Ursprung der Beschneidung ist der Bund zwischen Gott und Abraham:

Und Gott sprach zu Abraham: … Das aber ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und deinem Geschlecht nach dir: Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden … Wenn aber ein Männlicher nicht beschnitten wird an seiner Vorhaut, wird er ausgerottet werden aus seinem Volk, weil er meinen Bund gebrochen hat. [1]

Die alten Israeliten schlossen mit ihrem Gott einen Vertrag: sie gaben Jehova ihre Vorhäute und im Gegenzug gab Jehova ihnen den Status des bevorzugten Volkes. Es erscheint sehr wahrscheindlich, dass die rituelle Beschneidung von männlichen Kindern zum Teil eine abgemilderte Form des Kindesopfers ist.

Die Ansicht, dass dieses biblische Gebot eine hygienische Grundlage habe, steht im Widerspruch zu dem Teil des Textes, der die abgetrennte Vorhaut eines Feindes als Trophäe darstellt:

Saul sprach: So sagt zu David: Der König begehrt keinen andern Brautpreis als hundert Vorhäute von Philistern, um an den Feinden des Königs Vergeltung zu üben. … Und die Zeit war noch nicht um, da machte sich David auf und zog hin mit seinen Männern und erschlug unter den Philistern zweihundert Mann. Und David brachte ihre Vorhäute dem König in voller Zahl, um des Königs Schwiegersohn zu werden. [2]

Die magischen Kräfte, die der Manipulation der Penisvorhaut zugeschrieben wurden, werden ferner durch die folgende Geschichte aus dem Talmud illustriert:

Abraham wird in Zukunft an den Pforten der Hölle sitzen und nicht zulassen, dass ein Beschnittener hineingehe. Was tut er aber mit den groben Sündern? Er nimmt die Vorhäute der Knäblein, die gestorben sind, ehe sie beschnitten wurden, setzt dieselben den Sündern an, und stürzt sie hinunter in die Hölle. [3]

Um den Ausschluss des Abweichlers aus der Gruppe zu rechtfertigen, muss er erst zu einem Anderen gemacht werden: vor seiner Überstellung in die Hölle, wird der sündige Jude in den Zustand des Unbeschnittenen versetzt; vor seiner Einweisung in die psychiatrische Klinik, wird der kranke Patient für »gefährlich für sich selbst oder für andere« erklärt. [4] Jede soziale Gruppe unterscheidet zwischen Personen, die der Gruppe angehören und denen, die sie als Außenstehende betrachtet. Juden nehmen die Unterscheidung über die Beschneidung vor, die ihren Bund mit Gott symbolisiert. Dies erklärt, weshalb orthodoxe Juden ihre toten Kinder beschneiden: das Ritual stellt sicher, dass sie nach ihrer Wiederaufersteheung Mitglieder des auserwählten Volkes sein werden. Wir nehmen die Unterscheidung über geistig-seelische Gesundheit vor, die die Fähigkeit des Individuums symbolisiert, mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft einen Bund (Vertrag) zu schließen. (Ich gehe hier nicht auf Staatsangehörigkeit als Kennzeichen der Mitgliedschaft zu einer In-Group ein.)

Dass die Praxis der Beschneidung ihren Ursprung in einem Ritual hat, steht so sehr außerhalb jeden Zweifels, dass nicht einmal die fanatischsten Befürworter dieser Maßnahme den Versuch unternehmen, dies zu leugnen. Sie versuchen allerdings, diese Tatsache als Ausdruck einer primitiven Einsicht in den hygienischen Charakter der Beschneidung zu rationalisieren – so wie Menschen auch die jüdischen Ernährungsvorschriften versucht haben zu rationalisieren. Die rituelle Beschneidung steht jedoch in völligem Widerspruch zu den elementarsten Grundregeln der Hygiene. Das traditionelle jüdische Recht fordert vom Beschneider (»Mohel«), dass er den rituellen Akt der Metzitzah durchführt, bei dem er den beschnittenen Penis in den Mund nimmt und das Blut absaugt. Eine Handlung, die drei Mal wiederholt werden muss. Um die Jahrhundertwende brachten Bedenken hinsichtliche der nachgewiesenen Übertragungen von Tuberkulose und Syphilis vom Mohel auf das Kind amerikanische Juden dazu, auf diesen Teil des Rituals zu verzichten. Noch 1962 hielt Charles Weiss es für nötig, in einem Beitrag für Clinical Pediatrics die Forderung nach einem rechtlichen Verbot dieser Praxis zu wiederholen. [5] In Frankreich wurde 1854 per Gesetz die Praxis der Metzitzah untersagt und festgelegt, dass die Beschneidung »auf einer rationalen Basis durchzuführen« sei. [6]

Torah, Talmud und die historischen jüdischen Schriften äußern sich in aller Deutlichkeit zum Ursprung und zur Natur der Beschneidung. Der große jüdische Philosoph und Rabbi Moses Maimonides (1135-1204) drückte sich dazu unmissverständlich aus: »Niemand aber soll sich selbst oder seinen Sohn aus einem anderen Grund beschneiden, als aus reinem Glauben.« [7] Moderne Bemühungen, dieser primitiven Praxis eine medizinisch-rationale Begründung zu unterstellen, haben keine wissenschaftliche Grundlage und zeugen von fehlendem Respekt gegenüber der jüdischen Tradition.

III

Wie und wann wurde aus der rituellen Beschneidung eine prophylaktische Beschneidung und warum wurde sie besonders in den Vereinigten Staaten so populär?

Jahrtausende lang wurden weder die Beschneidung noch die Niederkunft einer Schwangeren als medizinische Angelegenheit angesehen. Die Penisvorhaut war ein normaler Teil des Körpers und Schwangerschaft ein normales Ereignis. Frauen brachten ihre Kinder ohne Unterstützung durch andere auf die Welt oder ihnen wurde von weiblichen Familienangehörigen oder von Hebammen ohne formale Ausbildung dabei geholfen. So lange dies die gängige Praxis war, konnte die Beschneidung nicht zu einer medizinischen Maßnahme werden. Viel ist über die Eroberung der Schwangerschaft und der Geburt durch die Medizin geschrieben worden, über männliche Professionelle, die als alleinige, staatlich zugelassene Anbieter von sogenannten geburtsmedizinischen Dienstleistungen weibliche Amateure verdrängten. [8] Einhergehend mit diesem Wandel wurde der Ort der Geburt vom Zuhause in das Krankhenhaus verlagert, und die normale Geburt wurde zunehmend als chirurgischer Eingriff betrachtet – vermutlich auch durch die routinemäßige Durchführung einer Episiotomie (Dammschnitt). Der Boden war bereitet für die chirurgische Routine-Beschneidung von gesunden männlichen Kindern durch den Geburtshelfer – eine Praxis die als vorbeugende Maßnahme rationalisiert wurde. Wogegen? Die Antwort lautet: Masturbation, eine Plage, die durch Beschneidungen verhindert wie auch geheilt werden könne.

Praktisch alle medizinischen Texte des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts empfahlen die Beschneidung für eine ganze Reihe von Erkrankungen, die von Epilepsie über Hydrocephalus (»Wasserkopf«) bis hin zu Mangelernährung und Tuberkulose reichten, und behaupteten vollmundig, dass es sich um eine Therapie der »Krankheit« Masturbation handele. Das folgende Zitat aus einem medizinischen Standardtext aus dem Jahr 1887 ist dafür typisch: »Ob Masturbation eine Ursache für Epilepsie ist, ist nicht sicher. Aber es kann keinen Zweifel über ihre schädigenden Auswirkungen geben … Eine Beschneidung sollte in jedem Fall durchgeführt werden. Unter Umständen könnte es notwendig sein, die Genitalien durch die Anwendung agressiver Flüssigkeiten so wund und empfindlich werden zu lassen, dass das Reiben dieses Körperteils große Schmerzen hervorruft.« [9]

Viele Kritiker der RNC erkennen an, dass die Einstellung zur Masturbation eine Rolle bei der Einführung dieser Praxis spielte. Was sie aber übersehen, ist, dass die amerikanische Begeisterung für die Verhinderung von Masturbation und die Unterstützung von Beschneidungen Ausdruck des selben puritanischen Eifers für die Tugend der Gesundheit ist, der auch anderen Formen typisch amerikanischen Massenwahns, wie Prohibition, Drogenbekämpfung und der Bewegung für geistig-seelische Gesundheit (mental health movement), zu Grunde liegt. [10] Beispielsweise schreibt Edward Wallerstein, Autor des Buches Circumcision: An American Health Fallacy [11]: »Die sogenannte ›therapeutische‹ Beschneidung hat ihren Ursprung im 19. Jahrhundert. … In einer von Mythen und Unwissenheit geschwängerten Atmosphäre entstand die Theorie, dass Masturbation viele verschiedenartige Erkrankungen hervorrufe.« [12] In dieser Aussage findet sich ein vager Hinweis auf die Rolle des Mythos von einem durch Masturbation verursachten Irresein, ein echter Massenwahn, der seinen Anfang im 18. Jahrhundert nahm (lange vor RNC), bald darauf zu einem unhinterfragten Dogma in Europa und den Vereinigten Staaten wurde, und erst Mitte des 20. Jahrhunderts wieder verschwand. Seitdem hat sich die medizinische Hysterie von der Masturbation auf andere Gesundheitsgefährdungen, wie Rauchen und HIV-Infektion, verlegt. Heute werden Beschneidungen als »Strategie zur AIDS-Prävention« angesehen. [13]

Die Bedeutung der Idee eines durch Masturbation hervorgerufenen Irreseins liegt in der Tatsache, dass die sexuelle Selbststimulierung das erste einer langen Reihe von religiösen Vergehen war, die in medizinische Krankheiten umgewandelt wurden. RNC und Anti-Masturbation wurzeln im jüdischen Recht, das erotisches Vergnügen im Zusammenhang mit Sexualverkehr zulässt, aber nur, wenn es sich dabei um ehelichen Geschlechtsverkehr zwischen einem jüdischen Mann und einer jüdischen Frau handelt. Jede andere sexuelle Handlung ist strikt untersagt. Masturbation wird gleichermaßen im Talmud wie in nicht-talmudischer Literatur verurteilt. Der Zohar (ein maßgeblicher Kommentar zum Pentateuch) nennt die Masturbation »eine Sünde, schlimmer als alle anderen Sünden der Tora«. [14] Jüdische Exegeten interpretieren die Handlung als Mord und sagen, dass die schuldige Person den Tod verdiene, eine Übertreibung, die einen Hinweis darauf liefert, dass das Verbot auf der Ansicht gründet, dass durch die Zerstörung seines »zeugungsfähigen Samens« der Masturbierer eine dem Mord nicht unähnliche Handlung begehe. Im Bewusstsein der offensichtlichen Verbindung zwischen der Berührung des Penis und sexueller Erregung gibt es im jüdischen Recht das »absolute Verbot der Berührung des eigenen Geschlechtsteils: dem unverheirateten Mann ist die Berührung niemals gestattet, dem verheirateten Mann lediglich in Verbindung mit dem Urinieren«. [15] Wenn ein jüdischer Vater mit seinem Sohn das Urinieren übt, dann immer mit der Ermahnung: »Ohne die Hände! Lieber daneben zielen, als sich was Falsches angewöhnen!« Diese Art des Urinierens ist schon für einen beschnittenen Jungen oder Mann ein großes Kunststück. Wenn er unbeschnitten ist, dann ist es praktisch unmöglich. Der Bedeutsamkeit der Verbindung zwischen dem Verbot des Besitzes einer Penisvorhaut und der Berührung des Penis während des Urinierens für die RNC wurde nie die Beachtung geschenkt, die sie eigentlich verdient hätte. Deshalb ist dies der Hintergrund, vor dem wir die Geschichte der Anti-Masturbations-Bewegung und seiner logischen Fortsetzung, der medizinischen Beschneidung, betrachten müssen.

Die Erfindung und erfolgreiche Popularisierung der Idee, dass Masturbation eine große Gefahr für die Gesundheit darstelle, haben wir einem anonymen Arzt und Priester zu verdanken, der im Jahr 1710 einen Text mit dem Titel Onania, or the Heinous Sin of Self-Pollution (Onanie oder die abscheuliche Sünde der Selbstbeschmutzung) veröffentlichte. [16] Dem folgte im Jahr 1785 die Veröffentlichung von Onania, or a Treatise upon the Disorder produced by Masturbation (Onanie oder eine Untersuchung der durch Masturbation verursachten Störungen) von Simon-André Tissot, einem prominenten Arzt aus Lausanne. Diese Arbeit etablierte die Masturbation als einen der Hauptfaktoren bei der Entstehung zahlreicher Krankheiten und verwandelte die Pathogenizität der Masturbation von einer Theorie in ein Dogma. Benjamin Rush, Philippe Pinel, Henry Maudsley und Sigmund Freud sind nur einige der anerkannten medizinischen Persönlichkeiten, die niemals die Schädlichkeit der Selbstbefriedigung in Frage stellten.

Man muss gebildet sein, um die Welt durch eine Krankheits-Brille zu sehen. So sind es vor allem Mitglieder der Oberschicht, die sich für medizinische Märchen begeistern, wogegen Mitglieder der Unterschicht Gesundheitsinformationen, ob wahr oder falsch, eher skeptisch gegenüber stehen. [17] Die Rolle der medizinischen Fehlinformation nimmt Jules Romains in seinem heute fast vergessenen Meisterwerk Knock auf humorvolle Weise aufs Korn. Dr. Knock erläutert seine Ansichten folgendermaßen:

»Krank werden« ist eine alte Vorstellung. Im Zeitalter der modernen Wissenschaften ist sie nicht mehr aufrechtzuerhalten. »Gesundheit« ist ein Wort, das wir gut und gerne aus unserem Wortschatz streichen können. Für mich gibt es nur mehr oder weniger kranke Menschen oder mehr oder weniger Krankheiten, die sich mehr oder weniger stark ausbreiten. ... Eine zutiefst moderne Theorie, M. Mousquet. Wenn Sie einmal darüber nachdenken, dann werden Sie überrascht sein über das, was sie mit der großartigen Idee einer bewaffneten Nation verbindet, einer Idee, aus der unser moderner Staat sein Stärke bezieht. [18]

Diese Parodie ist für uns soziale Wirklichkeit geworden. Wir betrachten jedes Lebensproblem – vom Fehlverhalten der Kinder bis zur Melancholie Erwachsener – als Krankheit. Diese geistige Haltung vorausgesetzt, überrascht es nicht, dass die Beschneidung medizinalisiert wurde und dass die RNC besonders in den Vereinigten Staaten solch eine große Verbreitung fand. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass ungefähr zur selben Zeit (in den 1950er Jahren), als der British National Health Service die Finanzierung von RNC stoppte, amerikanische Institutionen, einschließlich der Wohlfahrtsprogramme, die Kostenerstattung dafür einführten und »Beschneidung zum amerikanischen Standard wurde«. [19] Während 1993 die Beschneidungsrate in Großbritannien auf 5 oder 6 Prozent gefallen war, lag sie in den Vereinigten Staaten bei 80 bis 90 Prozent. Dennoch tritt Peniskrebs in den Vereinigten Staaten häufiger auf als in Dänemark oder Japan, »wo Beschneidungen nur bei einer eindeutigen medizinischen Indikation durchgeführt werden«. [20] Diese Beobachtung trifft allerdings nur auf die Gesamthäufigkeit des Auftretens von Peniskrebs in diesen Ländern zu. In den Vereinigten Staaten sind unbeschnittene Männer deutlich häufiger von Peniskrebs betroffen als beschnittene Männer.

IV

Warum ist die RNC legal? Weil sie als präventive medizinische Maßnahme definiert ist. Warum ist sie als präventive medizinische Maßnahme definiert? Um ihr Verbot als männliche Genitalverstümmelung zu verhindern. Diese wechselseitige Beziehung zwischen Sprache und Recht ist unserer Vorstellung von Legalität immanent. Ob eine bestimmte Handlung legal oder illegal ist, hängt davon ab, wie wir sie bezeichnen. Eine als »Notwehr« bezeichnete Tötung ist legal; eine als »Mord« bezeichnete Tötung ist ein Verbrechen. Wir bezeichnen die Entfernung der Vorhaut eines Jungen als »neonatale Routine-Zirkumzision«, die Entfernung von Teilen des weiblichen Genitals dagegen als »weibliche Genitalverstümmelung« (female genital mutilation, FGM). Die Sprache nimmt also die Entscheidung über die Rechtmäßigkeit (oder Unrechtmäßigkeit) einer Praxis vorweg. 

Obwohl weder die weibliche Beschneidung oder Klitoridektomie, die ganz offensichtlich der Verhinderung von Masturbation dient, noch andere Formen der FGM, die aus kulturell-religiösen Gründen hauptsächlich in muslimischen Ländern Afrikas durchgeführt werden, Thema dieses Aufsatzes sind, möchte ich dennoch an dieser Stelle einige Anmerkungen dazu machen. Klitoridektomien wurden gelegentlich in englischsprachigen Ländern bis weit in die Zeit nach Ende des Zweiten Weltkriegs durchgeführt und in den Vereinigten Staaten bis 1977 durch die Krankenversicherung Blue Cross Blue Shield bezahlt. [21] Weibliche Genitalverstümmelungen jedweder Form sind heute in Großbrittanien wie auch den meisten anderen europäischen Ländern verboten. In den Vereinigten Staaten wurde diese Praxis durch die Bundesregierung und in 16 Bundesstaaten unter Strafe gestellt. Obwohl die meisten Amerikaner eine Vergleichbarkeit der beiden Eingriffe in Abrede stellen, liegen die Ähnlichkeiten doch auf der Hand und werden von Europäern auch so gesehen: Beide Eingriffe verändern die Anatomie der Geschlechtsorgane und Menschen, die diese Praxis ausüben, begründen sie jeweils mit gesundheitlichen Vorteilen (Amerikaner hinsichtlich der männlichen Beschneidung, Afrikaner hinsichtlich der weiblichen Beschneidung). [22] In Nigeria werden 21,2 Prozent der weiblichen Beschneidungen von Ärzten durchgeführt. [23]

1949 verurteilte ein Editorial des British Medical Journal die RNC als einen Eingriff, der den »Geschmack des Barbarentums« an sich habe, hob im Weiteren seinen religiös-rituellen Grundcharakter hervor, indem es einige der bizarren Methoden der Entsorgung der entfernten Vorhaut auflistete, und kritisierte Ärzte scharf dafür, dass sie diese Praxis zuließen. [24] 1976 widerlegten William Gee und Julian Ansell in einem einflussreichen Artikel in Pediatrics die Theorie von einer angeblichen krebsschützenden Wirkung der RNC: »Beschneidungen sind damit begründet worden, dass Peniskarzinome bei beschnittenen Männern nur selten aufträten. Wenn man aber die Häufigkeit des Auftretens von Peniskarzinomen bei vergleichbaren beschnittenen und unbeschnittenen weißen, männlichen Populationen aus gemäßigten Zonen Skandinaviens und der Vereinigten Staaten gegenüberstellt, dann finden sich dabei keine Unterschiede der Auftretenshäufigkeit von Peniskarzinomen (1/100.000) zwischen Beschnittenen und Unbeschnittenen.« [25] 1989 führte dennoch die Sonderarbeitsgruppe der American Academy of Pediatrics (eine Gruppe mit Bedenken hinsichtlich der Vorteile von RNC) das geringere Auftreten von Peniskrebs bei beschnittenen männlichen Personen als Rechtfertigung für diese Praxis an. [26] Obwohl sie anerkannte, dass schlechte Genitalhygiene eine Rolle bei der Entstehung dieser Krankheit spielt, unterließ es die Arbeitsgruppe, zu erwähnen, dass, selbst wenn eine Beschneidung vor Peniskrebs schützen würde, dies dennoch nicht ihre routinemäßige Durchführung vor dem Erreichen der Mündigkeit rechtfertigen könnte. Peniskrebs ist eine seltene Erscheinung, die erst im mittleren Alter oder später auftritt, und jungen Männern, die sich Sorgen machen, solch eine Krankheit zu entwickeln, genügend Zeit bleibt, um eine prophylaktische Beschneidung durchführen zu lassen, wenn es das ist, was sie wollen. Andere pathologische Zustände des unbeschnittenen Penis, wie beispielsweise eine Phimose, die so schwerwiegend ist, dass sie das Urinieren und die Funktion des Harntraktes beeinträchtigt, sind Indikationen für eine Behandlung der betroffenen Kinder, nicht aber für die RNC.

Kurz gesagt, gehören die medizinischen Rationalisierungen für Massenbeschneidungen zu den offensichtlichsten und am meisten übersehenen Beispielen für unsere kulturelle Anpassung an die Ideologie des Therapeutischen Staates. Nachdem sie nicht mehr als Vorbeugung gegen Masturbation angepriesen wird, betrachtet man heute die Beschneidung als Standardmaßnahme zur Vorbeugung von Peniskrebs und von Infektionen der Harnwege. Obwohl die Ursache von Peniskrebs unbekannt ist, scheint es doch unwahrscheinlich, dass sie in der normalen Anatomie des Mannes liegt. Darüberhinaus beruht die üblicherweise von Befürwortern der RNC vorgebrachte Behauptung, eine erst später durchgeführte Beschneidung böte einen geringeren Schutz vor Peniskrebs als eine Beschneidung direkt nach der Geburt, auf einem irreführenden Vergleich von Peniskrebsraten bei Juden und Moslems. Juden werden am achten Tag nach der Geburt beschnitten, Moslems in der Pubertät. Es ist bekannt, dass Hygiene und Geschlechtskrankheiten eine Rolle bei der Verursachung von Peniskrebs spielen, und dass, aus einer ganzen Reihe von kulturellen und öknomischen Gründen, bei Juden im Allgemeinen ein höherer Hygienestandard und ein geringeres Auftreten von Geschlechtskrankheiten zu verzeichnen ist, als bei Moslems. Deshalb bleibt, trotz gegenteiliger Behauptungen, der Schutz vor Peniskrebs durch RNC eine unbewiesene Theorie. [27] 

Für die Behauptung, RNC sei eine vernünftige Vorbeugemaßnahme gegen Infektionen des Harntraktes (urinary tract infections, UTI), gibt es genauso wenig einen empirischen Beleg. Laut einer aktuellen Studie tritt dieses (einfach zu diagnostizierende und zu behandelnde) Problem bei 99,8 Prozent der beschnittenen Kinder und bei 98,6 Prozent der unbeschnittenen Kinder niemals auf. [28] Das Beste, was man also von der RNC sagen kann, ist, dass es die Rate von Harnwegsinfektionen bei Kindern um 1,2 Prozent senkt.

Die Schlussfolgerung von zwei schwedischen Ärzte erscheint mir einleuchtend: »Hinsichtlich der Vorbeugung von Krankheiten erwachsener Männer ist es nach unserer Auffassung angemessener, die Entscheidung [über eine Beschneidung] so lange zurückzustellen, bis der Junge seine eigene Entscheidung treffen kann.« [29]

V

Ich glaube, dass es an der Zeit ist, zu erkennen, dass die Praxis der RNC auf der absurden Prämisse beruht, dass das einzige Säugetier, das in einem Zustand auf die Welt kommt, der eine sofortige chirurgische Korrektur erforderlich macht, der männliche Mensch sei. Wenn die Penisvorhaut nicht einfach nur nicht-funktional, sondern einen so schwerwiegender biologischer Nachteil wäre, dass er eine sofortige chirurgische Entfernung rechtfertigen würde, dann wäre sie mittlerweile sicherlich verkümmert. Entsprechend reicht es für einen Arzt – wie den Autor eines Kommentars im New England Journal of Medicine aus dem Jahr 1990 – nicht aus, zu dem Ergebnis zu kommen:

Der Nutzen [einer Beschneidung] ist nicht gesichert. Es erscheint deshalb vernünftig, die Beschneidung von Neugeborenen als eine Maßnahme zu betrachten, über deren Durchführung die Eltern entscheiden, und nicht als einen Bestandteil der normalen medizinischen Versorgung. Die Nichtdurchführung einer Beschneidung im Neugeborenenalter sollte nicht als medizinisches Versäumnis angesehen werden. Die Eltern sollten über den aktuellen Stand des medizinischen Wissens hinsichtlich der Risiken und des Nutzens dieser Maßnahme aufgeklärt werden. Ihre endgültige Entscheidung mag dann auf nichtmedizinischen Gründen beruhen. [30]

Wenn die endgültige Entscheidung der Eltern über die Beschneidung ihres männlichen Kindes auf Grund nichtmedizinischer Erwägungen getroffen wird, dann ist die RNC eine medizinisch nicht zu rechtfertigende Praxis. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass praktizierende jüdische Eltern immer noch einen Mohel mit der Aufgabe betrauen, ihre männlichen Kinder zu beschneiden. Eine Praxis, die von der American Medical Association (AMA) ausdrücklich befürwortet wird. Die Rechtsabteilung der AMA gibt ein spezielles Formular für rituelle Beschneidungen (»Release for Ritual Circumcision«) heraus, mit dem »Eltern jüdischen Glaubens den Antrag auf Durchführung einer Beschneidung durch einen Nichtmediziner stellen« können. Mit ihrer Unterschrift autorisieren die Eltern des Kindes den behandelnden Arzt und die Klinik, »einer Beschneidung unseres Sohnes durch .......... zuzustimmen, den wir ausgewählt haben als die Person, die mit den Ritualen unseres Glaubens vertraut und durch ihre Erfahrung zur Durchführung dieses Eingriffes in der Lage ist.« [31] Was gibt jüdischen Eltern eines männlichen Kindes das Recht, einem Nichtmediziner – der noch dazu eine religiöse Persönlichkeit ist – die Durchführung eines chirurgischen Eingriffs zu erlauben? Da die Ausübung ärztlicher Tätigkeit ohne staatliche Zulassung ein krimineller Akt ist, ist diese Praxis eine Verletzung der Trennung von Staat (Arzt) und Kirche (Mohel) (oder kommt dem zumindest sehr nahe).

Wenn die RNC medizinisch nicht zu rechtfertigen ist, handelt es sich dann dabei um eine Form der Kindesmisshandlung? Personen, die nicht an die religiösen Regeln des Judentums oder des Islam gebunden sind, könnten zu dieser Schlussfolgerung gelangen. [32] Sollte die Beschneidung illegal sein? Hierin liegt unser ethisches Dilemma. Wir müssen einen Ausgleich herstellen zwischen dem (relativ geringen) Schaden, der dem Einzelnen durch die RNC zugefügt wird, und dem (potentiell sehr großen) Schaden, den die Stärkung des Staates auf Kosten der Familie uns allen zufügt. Weil die Familie unser sicherster Schutz gegen die Übergriffe des Therapeutischen Staates bleibt, verlangt das Dilemma nach einem Kompromiss. Die Verhinderung von Routine-Beschneidungen Neugeborener erfordert nicht notwendigerweise den Einsatz des staatlichen Zwangsapparates gegen die religiösen Wertvorstellungen der Eltern. Was allerdings in jedem Falle notwendig ist, ist die Mitwirkung von Ärzten und deren Überzeugungskraft bei der Aufgabe, Eltern von neugeborenen Jungen über die medizinisch fragwürdige und moralisch problematische Natur dieser angeblichen Hygienemaßnahme aufzuklären.

Übersetzung: Jan Groth

Das Original dieses Textes mit dem Titel »Routine Neonatal Circumcision: A Medical Ritual« [33] erschien in: Thomas Szasz, The Medicalization of Everyday Life, Syracuse, NY: Syracuse University Press, 2007. Der Text ist die leicht überarbeitete Version einer Rede, die Thomas Szasz am 25.9.1994 auf Einladung der Third International Conference on Circumcision in Baltimore, Maryland, gehalten hatte. Veröffentlicht wurde sie 1996 in: Journal of Medicine and Philosophy, 21 (2): 137-148 [34]. Wir danken dem Autor für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

[1]

Genesis 17,9 [35]

[2]

1.Samuel 18,25 [36]

[3]

Abraham Cohen, Everyman’s Talmud (New York: Schocken, 1975), S. 381

[4]

Thomas Szasz, Insanity: The idea and its consequences [37] [1987] (Syracuse: Syracuse University Press, 1997)

[5]

Charles Weiss, »Ritual circumcision«, Clinical Pediatrics 1 (October 1962): 65–72

[6]

Peter C. Remondino, History of circumcision, from the earliest times to the present [38] (Philadelphia: F. A. Davis, 1891. Reprint; New York: AMS Press, 1974), 147, 157

[7]

Moses Maimonides, The guide for the perplexed [39] (New York: Dover, 1956), 378

[8]

Karen E. Paige and Jeffrey M. Paige, The politics of reproductive ritual (Berkeley: University of California Press, 1981), 263–67

[9]

A. Money, Treatment of disease in children, (Philadelphia: Blakiston, 1887), 421

[10]

Thomas Szasz, The manufacture of madness: A Comparative Study of the Inquisition and the Mental Health Movement [40] [1970] (Syracuse: Syracuse University Press, 1997), 180–206

[11]

Edward Wallerstein, Circumcision: An American health fallacy (New York: Springer, 1980)

[12]

Edward Wallerstein, »Circumcision: The Uniquely American Medical Enigma« [41], Urologic Clinics of North America 12 (February 1985): 123–32, 123

[13]

Aaron J. Fink, »Newborn circumcision: A long-term strategy for AIDS prevention«, Journal of the Royal Society of Medicine 83 (October 1990): 673

[14]

David M. Feldman, Birth control in Jewish law: Marital relations, contraception and abortion as set forth in the classical texts of Jewish law (New York: New York University Press, 1968), 114

[15]

Louis M. Epstein, Sex laws and customs in Judaism (New York: Ktav Publishing, 1967), 137

[16]

Szasz, The Manufacture of Madness, 182 ff.

[17]

E. J. Schoen, »Are we becoming a two-class society based on neonatal circumcision?« [42] (Letter), Pediatrics 86 (December 1990): 1005–6

[18]

Jules Romains, Knock (Knock, ou le triomphe de médecine), trans. James B. Gidney (123; Great Neck, N.Y.: Barron Educational Service, 1962), 35

[19]

E. J. Schoen, »The status of circumcision of newborns«, New England Journal of Medicine 322 (May 3, 1990): 1308-12, 1308

[20]

»Minerva«, British Medical Journal 307 (October 30, 1993): 1154. See also N. W. Williams and L. Kapila, »Complications of Circumcision« [43], British Journal of Surgery 80 (October 1993): 1231–36

[21]

Female Genital Cutting, Wikipedia, http://en.wikipedia.org/wiki/Female_circumcision [44] (accessed April 15, 2007)

[22]

Shannon Brownlee et al., »In the name of ritual: An unprecedented legal case focuses on genital politics« [45], US News & World Report, February 7, 1994, pp. 56–58; and M. H. Merwine, »How Africa understands female circumcision« [46], New York Times, November 24, 1993 p. A24

[23]

S. L. Olamijulu, »Female child circumcision in Ilesha, Nigeria«, Clinical Pediatrics 22 (August 1983), 580–581

[24]

Editorial, »A ritual operation [47]«, British Medical Journal 2 (December 24, 1949): 1458

[25]

William F. Gee and Julian S. Ansell, »Neonatal circumcision: A ten-year overview«, Pediatrics 58 (December 1976): 824-27

[26]

Task Force on Circumcision, »Report of the Task Force on Circumcision« [48], Pediatrics 84 (August 1989): 388-91, 388

[27]

Edgar J. Schoen, »The Relationship Between Circumcision and Cancer of the Penis« [49], CA: A Cancer Journal for Clinicians 41 (September–October 1991): 306-9

[28]

Thomas E. Wiswell W. E. and Hachey, »Urinary Tract Infections and the Uncircumcised State: An Update«, Clinical Pediatrics 32 (1993): 130-34

[29]

Ingela Bollgren and Jan Winberg, »Reply to ›Is it time for Europe to reconsider newborn circumcision?« [50], Acta Paediatrica Scandinavica 80 (1991): 573-80

[30]

Ronald L. Poland, »The question of routine neonatal circumcision« [51], New England Journal of Medicine 322 (May 3, 1990): 1312-15, 1315, (Hervorhebungen von mir)

[31]

American Medical Association, Medicolegal Forms with Legal Analysis, (Chicago: AMA, 1961), 36; Dasselbe Formular, allerdings ohne die Festlegung, dass es für jüdische Eltern bestimmt ist, wurde auch in der Ausgabe von 1991, S. 161, abgedruckt.

[32]

See William E. Brigman, »Circumcision as Child Abuse: The Legal and Constitutional Issues« [52], Journal of Family Law 23 (1984–85): 337–57

[33]
siehe books.google.de/books?id=u9qWtgitwcIC&pg=PA80
[34]
siehe jmp.oxfordjournals.org/content/21/2/137.abstract

Letzte Aktualisierung am 29.05.2018
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